Teure Wahrheit

Fall Oury Jalloh: Initiative hat eigenen Brandgutachter mit Versuchen beauftragt. Das muß sie aus Spenden finanzieren
Von Susan Bonath

Mouctar Bah und seine Mitstreiter der Initiative »In Gedenken an Oury Jalloh« hoffen weiter auf Spenden. Das Geld benötigen sie unter anderem um eine feuerfeste Matratze zu bezahlen, den Nachbau einer gefliesten Polizeizelle, Handschellen, vielleicht einen Lüfter. Finanziert werden muß daneben ein Brandgutachter aus London. Dieser kennt weder die Polizei oder die Menschen in Sachsen-Anhalt, noch hat er einen Bezug zum Fall Oury Jalloh. »Das ist uns wichtig, denn so ist er völlig unabhängig«, erklärte Bah gegenüber jW.

Im Auftrag der Initiative versucht der Experte derzeit, was zwei Gerichten nicht gelang. Er soll aufklären, wie am 7. Januar 2005 ein Mensch im Polizeirevier von Dessau bei lebendigem Leib und binnen Minuten verbrennen konnte, an Händen und Füßen gefesselt in der Zelle, betrunken, mit Kokainspuren im Blut. Bis heute ist der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh nicht aufgeklärt. »Das wird auch weder das laufende Revisionsverfahren noch ein möglicher dritter Prozeß ändern«, weiß Mouctar Bah. Denn dabei verantworten muß sich einzig der frühere Dienstgruppenleiter Andreas Schubert – dafür, daß er Oury Jalloh offenbar zu Unrecht einsperren ließ, zu wenig kontrollierte, zu spät handelte. Im Dezember verurteilte ihn das Magdeburger Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 10800 Euro. Alle Parteien sind aus unterschiedlichen Motiven dagegen vorgegangen. Der Bundesgerichtshof muß jetzt entscheiden, ob der Fall neu aufgerollt wird. Ob ein Dritter das Feuer legte, müßte die Staatsanwaltschaft allerdings in einem gesonderten Verfahren herausfinden. Doch dazu ermittelt diese nicht.

Dabei gab es im jüngsten Prozeß etliche Indizien gegen die offizielle Selbstmordversion. Dieser zufolge soll Jalloh ein Feuerzeug trotz Leibesvisitationen in die Zelle geschmuggelt, damit den feuerfesten Matratzenbezug aufgeschmolzen und den Füllstoff angezündet haben. Der rasante Brandverlauf deutet jedoch eher auf einen Beschleuniger hin. Die Position der Leiche widerspricht der These von »Inhalationsschock«. Fehlende Streßhormone im Urin werfen die Frage auf: War Jalloh schon tot, als das Feuer ausbrach? Das erst drei Tage nach dem Brand bei den Asservaten aufgetauchte verkohlte Feuerzeug wurde im Sommer 2012 erstmals umfassend untersucht. Das Resultat: Die eingeschmolzenen Fasern stammen nicht aus der Zelle, die DNA-Spuren nicht vom Opfer. Die Staatsanwaltschaft leitete im Herbst ein Prüfverfahren ein, um festzustellen, ob es vielleicht doch noch etwas zu ermitteln gäbe. Doch Ergebnisse blieben bisher aus.

Lediglich die Nebenkläger sind der Auffassung, daß die genauen Umstände, unter denen der 36jährige starb, aufgeklärt werden und in ein Urteil gegen Schubert einfließen müßten. Sie begründen ihre Revision damit, das Gericht habe Schuldbeweise nicht genügend gewürdigt. Daß Schubert den Flüchtling bereits zu Unrecht einsperren ließ und keinen Richter hinzuzog, sei als Freiheitsberaubung mit Todesfolge zu werten. Das Gericht hatte im Prozeß mildernde Umstände walten lassen, weil der Dienstgruppenleiter das Gesetz nicht gekannt haben will. Das prangert auch die Staatsanwaltschaft an. Es sei »widersprüchlich, daß die Kammer die Sorgfaltspflicht, nicht aber die Vorschriften schuldhaft verletzt sieht«, begründet sie ihre Revision.

Die Verteidigung fordert hingegen, Schubert freizusprechen. Sie kritisiert, ein einzelner Beamter könne nicht für fehlendes Personal und mangelnde Ausstattung verantwortlich gemacht werden. Wenn schon, dann seien Schuberts damalige Vorgesetzte ebenso heranzuziehen. Konkret benennt sie den damaligen Reviereinsatzdienstleiter Heiko Köhler. Nur wenige Minuten vor Ausbruch des Brandes sollen beide miteinander gesprochen haben. Worüber, blieb unklar, da Köhler nicht befragt wurde.

Doch auch fast alle gehörten Polizeizeugen trugen kaum zur Aufklärung bei. Sie verstrickten sich in Widersprüche oder litten unter »Gedächtnisverlust«. Die Initiative hofft nun darauf, daß der Brandexperte mit seinen in den kommenden Monaten erwarteten Versuchsergebnissen Sachsen-Anhalts Justiz zu neuen Ermittlungen »zwingen« kann. Kurz nach Oury Jallohs Tod hatte sie bereits durch ein eigenes rechtsmedizinisches Gutachten feststellen lassen, daß der Tote Schädelverletzungen wie einen Nasenbeinbruch aufwies.

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